Epochen der deutschen Literatur 1890 bis 1930: vom Naturalismus zur Neuen Sachlichkeit
Als 1892 Gerhart Hauptmanns Drama „Die Weber" erschien, begann damit für viele eine neue Welle im deutschen Theater. An der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert folgten die Epochen der deutschen Literatur rasch aufeinander, zum Teil überlagerten sie sich. Wie lässt sich bei so vielen Begriffen und Jahreszahlen der Überblick behalten? Dieser Beitrag stellt vier Strömungen vor: Naturalismus, Symbolismus, Expressionismus und Neue Sachlichkeit.

Naturalismus: Literatur nah am Alltag
Der Naturalismus entwickelte sich in Deutschland gegen Ende des 19. Jahrhunderts und rückte vor allem soziale Fragen in den Mittelpunkt. Die Autoren wollten das Leben zeigen, wie es ist. Dafür nutzten sie das Gesellschaftsdrama und die Alltagssprache. In den Dialogen war sogar Dialekt zu hören, für die damalige Bühne eine große Neuerung.
Ein besonders anschauliches Beispiel ist das bereits erwähnte Drama „Die Weber", erschienen 1892. Im Mittelpunkt stehen eine Gruppe und ihr Schicksal statt eines einzelnen Helden. Wer die Epochen der deutschen Literatur kennenlernen möchte, findet hier einen guten Einstieg: Das Stück macht die Grundidee des Naturalismus greifbar.
Symbolismus: Dichtung statt Gesellschaftsdrama
In denselben Jahren entstand eine ganz andere Richtung. Der Symbolismus entwickelte sich im Kreis um Stefan George und setzte auf Lyrik statt auf soziales Drama. Während der Naturalismus die Wirklichkeit unmittelbar beschrieb, suchte der Symbolismus nach einer anderen Art, von der Welt zu sprechen.
Auch das Werk von Rainer Maria Rilke steht dieser Tradition in gewisser Weise nahe. Sein Gedichtband „Das Stunden-Buch" erschien 1905. Dabei ist zu beachten, dass Naturalismus und Symbolismus nebeneinander bestanden. Sie lassen sich daher besser als gleichzeitige Antworten auf dieselbe Zeit verstehen denn als zwei aufeinanderfolgende Epochen.
Expressionismus: Schrei und Großstadt
Der Expressionismus erstreckte sich ungefähr von 1910 bis 1925. Zu seinen Themen zählten der Schrei, die Großstadt, der Krieg und der neue Mensch. Auf die nüchterne Beschreibung der Wirklichkeit folgte eine Literatur voller intensiver Gefühle. Ihre Autoren erzählten von den Erfahrungen des Einzelnen in einer beschleunigten Moderne.
Warum nimmt der Expressionismus in Epochenüberblicken so viel Raum ein? Sein Bruch mit früheren Konventionen markiert einen deutlichen Wandel zwischen dem Ende des 19. Jahrhunderts und den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg. Kaum eine Strömung wird so eng mit dieser Zeit verbunden.
Neue Sachlichkeit: der kühle Blick
In der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre kam die Neue Sachlichkeit auf. Ihr kühler, reportagehafter Stil hatte mit der emotionalen Spannung des vorangegangenen Jahrzehnts wenig gemein. Als Beispiel wird am häufigsten Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz" von 1929 genannt, ein Roman über die Großstadt.
Wer die zeitliche Abfolge der Strömungen kennt, kann leichter nachvollziehen, wie sich das Schreiben in nur vier Jahrzehnten wandelte: vom Dialekt im Drama über die symbolische Dichtung und den Schrei der Expressionisten bis zur Prosa im Reportagestil. Wenn Sie das Thema vertiefen möchten, lesen Sie die genannten Werke nebeneinander und vergleichen Sie ihre Sprache.